„Wir indigenen Frauen mussten Widerstand innerhalb des Widerstands leisten“

Indigene Frauen im CRIC und der CENCOIC

Mit dem Tierra y Luna (Land und Mond) gemahlen und ganze Bohne bieten wir einen Espresso aus Rohkaffee an, den ausschließlich die Frauen der Kooperative CENCOIC angebaut haben. Auf unserer Reise in den Cauca im November 2018 haben wir uns daher intensiv mit der Organisierung und der Situation der Frauen innerhalb der indigenen Bewegung und der CENCOIC auseinander gesetzt. Dabei bot sich ein ambivalentes Bild: Die Bewegung ist für die Frauen ein Ort, in dem sie Emanzipation verwirklichen können, in dem sie andererseits aber auch auf Machismo und Widerstand stoßen.

Auf dieser Seite berichten wir über

Zwischendrin stellen wir einzelne Frauen aus der Kooperative vor – klickt einfach auf die Fotos.

Weitere Infos über die Situation und Organisierung der Frauen findet ihr in unseren Artikeln in der frauen*solidarität Nr. 149/150, der Graswurzelrevolution Nr. 444 und der iz3w Nr. 376 sowie im Interview mit Rosalba Velasco in der Broschüre „Land, Kultur und Autonomie. Die indigene Bewegung im Cauca (Kolumbien).

 

Maria, Sandra, Nelly, Yolanda, Luciana und Gloria (v.l.n.r.), Aktivistinnen des Programa Mujer

Das Programa Mujer

1993 beschloss die indigene Bewegung des Cauca die Gründung des Programa Mujer (Frauen-Programm) als eigene Abteilung innerhalb der Strukturen des Consejo Regional Indígena (CRIC, Indigener Regionalrat des Cauca). „Es wurde gegründet, da die Frauen schon lange Teil der Kämpfe zur Verteidigung der Selbstverwaltungsgebiete waren und gleichzeitig speziell von einigen Problemen betroffen sind,” sagt Maria Jímenez vom Programa. „Die Rechte der Frauen sollten bekannt gemacht und verteidigt werden.“

Ein weiterer Meilenstein für ihren Kampf war – so betonen viele Frauen – die Ergänzung des Grundsatzprogramms der Bewegung um einen 10. Punkt: „Die Stärkung der indigenen Familie“. Neben dem Kampf für Autonomie, Land und die eigene Kultur haben die Selbstverwaltungsstrukturen und politischen Gremien der Bewegung seit 2005 deswegen auch die Aufgabe, die Familie zu stärken. Wie die Frauen erklären, bedeutet das, Frauen, ältere Menschen, Kinder und Jugendliche bei Entscheidungen und politischen Handeln mitzudenken und einzubeziehen – also auch eine Geschlechter- und Generationen-Perspektive einzunehmen.

Frauen und ihre Anliegen treffen in der Bewegung jedoch auch auf viele Widerstände. So erzählt Luciana Velacso, eine Dinamizadora („Vorantreiberin“) des Frauen-Programms: „Es war nicht der CRIC, der gesagt hat 'Hier ist ein Raum für die Frauen'. Diese Räume wurden nur durch den Kampf von uns Frauen erreicht.“ Und Nelly Valencia, Koordinatorin des Programa Mujer, ergänzt: „Es fällt mir schwer, das zu sagen, denn wir lieben unsere Organisation und die indigene Bewegung sehr. Ebenso wie unsere Genossen haben wir die Gewalt gegen uns als Indigene erlebt. Aber aufgrund des Machismo in der Bewegung war und ist es sehr schwer, sichtbar zu werden. Wir indigenen Frauen mussten Widerstand innerhalb des Widerstands leisten – damit umgehen, dass sie versuchen, uns zum Schweigen zu bringen. Wir müssen beharrlich bleiben, damit unsere Genossen irgendwann auch erkennen, dass das Frauen-Programm notwendig ist.“

Die Koordinatorin des Programa Mujer, Nelly Valencia, spricht beim Treffen des Programa

Mit viel Einsatz bearbeitet das Programa Mujer die drängendsten Themen, die Frauen in der Bewegung haben. So bilden einerseits Gegenmaßnahmen gegen die umfassende Gewalt gegen Frauen einen Schwerpunkt. Dazu bringen sie sich etwa mit Vorschlägen zur Reformierung der selbstverwalteten Rechtsprechung ein. Auch planen sie, Frauenhäuser einzurichten, um Frauen vor der Gewalt durch Ehemänner zu schützen. Andererseits kämpfen sie um mehr politische und wirtschaftliche Teilhabe sowie die Sichtbarkeit von Frauen in der Bewegung.

Auch wenn noch viel fehlt, wie Nelly sagt, sind sich die Frauen des Programa Mujer einig, dass sie in den letzten Jahren mit ihrem Engagement viel erreicht haben. Gloria Edelma Díaz, eine weitere Dinamizadora des Programms, meint: „Wir haben erreicht, dass wir als Frauen sichtbar geworden sind und dass jetzt über die Gewalt gegen Frauen gesprochen wird, was vorher ein Tabu war. Es ist ein Erfolg, dass uns zugehört wird und dass wir Frauen jetzt für uns selbst sprechen können.“

Diese tolle Arbeit des Programa Mujer unterstützen wir langfristig: Von jeder Packung des Tierra y Luna gehen 22,5 Euro-Cent an das Frauen-Programm.

Gewalt gegen Frauen

Aktivistinnen des Programa Mujer nehmen an einer Demo gegen die Bildungspolitik der Regierung teil

Ein zentrales Problem indigener Frauen im Cauca ist die massive und alltägliche Gewalt, die sie erleben. Diese geht von externen Akteuren wie Armee, Paramilitärs, Guerillas oder Drogenkartellen aus, aber auch von Männern aus den indigenen Gemeinden sowie von Verwandten und Ehemännern. Eingebettet ist diese Gewalt in die strukturellen Gewaltverhältnisse von Armut, kapitalistischen Marktstrukturen, fehlender Bildung und Rassismus. Wie umfassend das Problem ist, zeigt eine Studie zu innerfamiliärer Gewalt, die das Frauen-Programm zusammen mit Wissenschaftlerinnen durchgeführt hat: In 70 % der Familien in den indigenen Selbstverwaltungsgebieten kommt es zu physischer, psychischer oder spiritueller Gewalt, die sich fast immer gegen Frauen und Kinder richtet. Gleichzeitig werden nur etwa 10 % der Gewaltakte bei der eigenen oder der staatlichen Justiz angezeigt. Und selbst wenn es zu einer Anzeige kommt, hat dies meist keine Konsequenzen für den Täter.

Mitsprache und Teilhabe von Frauen in der Bewegung

Ein weiteres drängendes Thema der Frauen ist die Beteiligung von Frauen in den Strukturen der Bewegung. In der Bewegung sind seit Beginn viele Frauen aktiv, mittlerweile haben einige von ihnen Ämter in den Selbstverwaltungsgebieten und in den verschiedenen Institutionen des CRIC inne. Innerhalb der eigenen Strukturen boten sich indigenen Frauen aus armen, ländlichen Gemeinden erstmals weitgehende Möglichkeiten Ausbildungen zu machen, Arbeitsstellen anzunehmen und politische Ämter zu bekleiden. Viele Frauen erzählen selbstbewusst davon, wie sie sich so trotz Hindernissen weiterentwickeln konnten und etwas erreicht haben.

Magalí Hoyos arbeitet in der Verwaltung der Kooperative CENCOIC

Dennoch fehlt für eine gleichwertige Beteiligung der Frauen in der Bewegung noch viel. „Die Entscheidungspositionen sind fast ausschließlich von Männern besetzt“, berichtet Nelly, die Koordinatorin des Programa Mujer. „Im obersten Rat des CRIC sind momentan acht Männer und nur eine Frau. Von den Koordinator*innen der Abteilungen sind nur zwei weiblich. Unter den 126 lokalen Autoritäten sind lediglich 15 Frauen.“ Rosalba Velasco ist als Ratsvorsitzende der Resguardos im Nord-Cauca eine der wenigen Frauen in hohen Ämtern der Bewegung. Sie berichtet: „Ich habe ermittelt, dass die Beteiligung der Frauen 50 Prozent entspricht. Die Hälfte des Verwaltungspersonals im Nord-Cauca ist weiblich. Aber wir Frauen sind vornehmlich mit Sorge- und Alltagsaufgaben betraut, wie der Krankenpflege, der Erziehung und dem Kunsthandwerk. Das ist zwar ein wichtiger Beitrag. Aber die Frauen besetzen keine Ämter mit Entscheidungskompetenz.“

Ein weiterer Schwerpunkt des Programa Mujer liegt deshalb in Schulungen zur politischen Teilhabe. Die Trainerin Gloria Díaz vom Programa berichtet: Wenn wir mit unseren Schulungen zu den Frauen in den Gemeinden kommen, sind sie schüchtern und haben Angst öffentlich zu sprechen. Es ist ein großer Erfolg zu sehen, dass sie im Laufe des Prozesses, nach einem halben Jahr etwa, in den Kommissionen und Versammlungen ihre Stimme erheben, Vorschläge machen, die Sitzung leiten. Viele Frauen übernehmen anschließend Ämter und geben ihr Wissen und Selbstvertrauen an andere Frauen weiter.

Wirtschaftliche Benachteiligung

Gewalt, fehlende Teilhabe und Unsichtbarmachung sind verbunden mit der wirtschaftlichen Benachteiligung von Frauen: In der indigenen Bewegung wie in ganz Kolumbien gibt es einen starken Machismo“, erklärt Juan Carlos Guampe, Geschäftsführer der zentralen Kooperative der Bewegung CENCOIC. „Ein zentraler Grund dafür ist, dass traditionell nur die Männer die wirtschaftlichen und öffentlichen Aufgaben innerhalb der Familie erfüllen. Sie gehen zum Markt, haben die Kontrolle über die Einnahmen und sind diejenigen, die politische Ämter übernehmen.

In verschiedenen wirtschaftlichen Bereichen der Bewegung übernehmen Frauen mittlerweile Führungspositionen. So in dem Komunitären Produktionsbetrieb “Juan Tama” in Tacueyó, der Forellen produziert. Hier arbeiten Ana Berta Finscue als Koordinatorin der Weiterverarbeitungsfabrik und Carmensa Cuchillo als Verwaltungsfachfrau.

Ein weiteres Problem“, so Nelly Valencia vom Frauen-Programm, „ist, dass Frauen meist kein Land besitzen. Das Land wurde immer an die Söhne vererbt, bis heute. Auch wenn es sich schon ein bisschen verändert hat, vergeben die Resguardo-Verwaltungen auch heute den Großteil des Landes an Männer. Uns indigenen Frauen fehlen daher die Produktionsmittel.“ Frauen seine so wirtschaftlich nicht eigenständig und stünden bei Trennungen mit nichts da. Viele seien daher gezwungen, bei ihren Männern zu bleiben, auch wenn diese sie unterdrückten und schlügen.

Indigene Justiz

Ein weiterer aktueller Schwerpunkt der Frauen ist der Umgang der indigenen Justiz mit Gewalt gegen Frauen. Der Aus- und Aufbau des eigenen Justizsystem ist gerade ein Schwerpunkt der Bewegung. Anders als beim staatlichen System werden Verhandlungen in der indigenen Selbstverwaltung vor der Gemeindeversammlung durchgeführt. Unter Leitung der Ratsmitglieder des jeweiligen Selbstverwaltungsgebietes entscheidet die versammelte Gemeinde anschließend über das Strafmaß. Dabei ist nicht so sehr eine Bestrafung der Täter*innen das Ziel, sondern eine Wiederherstellung des durch ein Verbrechen zerstörten gesellschaftlichen Gleichgewichts.

Viele Frauen in der Bewegung betonen, wie wichtig die Stärkung der eigenen Rechtsprechung für ihren Kampf als Indigene ist. Durch diese werde das rassistische und korrupte staatliche System abgelöst. Daher sei es auch wichtig, die Defizite der eigenen Strukturen anzusprechen und zu beheben. Aus ihrer Sicht kritisieren sie: Frauen, ihre Erfahrungen und Bedürfnisse werden oft zu wenig mitgedacht. Spezifische Verbrechen, die vor allem Frauen treffen, werden nicht angemessen behandelt. Insbesondere Gewalt gegen Frauen innerhalb der Bewegung, Gemeinden und Familien werden viel zu wenig begegnet, Die Frauen fordern daher, dass ihre Perspektive und Sachverstand stärker einbezogen werden.

Kampf als Frauen, Kampf als Indigene

Nora Taquinás ist alleinerziehende Mutter und stellvertretende Gouverneurin des Resguardo Indigena (Indigenen Selbstverwaltungsgebiet) von Tacueyó.

Es ist ein komplexes Feld, in dem die Frauen für ihre Rechte und Würde kämpfen: Einerseits wollen sie zusammen mit den Männern gegen den Rassismus, die Ausbeutung und Vernichtung kämpfen, die sie als Indigene und Kleinbäuer*innen erfahren, andererseits müssen sie sich gegen die Gewalt und den Machismo der indigenen wie der nicht-indigenen Männer wehren. „Wir werden dreifach unterdrückt: dafür Frau zu sein, dafür Indigene zu sein und weil wir arm sind“, fasst Nelly Valencia, die Koordinator*in des Programa Mujer, es zusammen.

Sie betont, dass sie aus dieser Situation heraus einen anderen Weg als den europäisch und urban geprägten Feminismus eingeschlagen haben. Ihre Probleme sind mit denen der Gemeinden insgesamt verbunden. Ihre Forderungen stehen nicht für sich alleine und können nicht durch reine Opposition gegen die Männer erreicht werden.

„Lasst uns gemeinsam gehen, Männer und Frauen, und uns gegenseitig unterstützen! Das haben wir indigenen Frauen immer wieder gesagt. Nur so können wir das Gewicht dieser jahrhundertelangen Diskriminierung der indigenen Gemeinden tragen”, so Nelly. Wie sie betonen auch viele andere Frauen, dass sie sich eine Allianz mit den Männern der Bewegung wünschen, von ihnen gehört und in ihren Forderungen unterstützt werden wollen. Ihr Appell lautet: Der gemeinsame Kampf als Indigene wird stärker, wenn die Frauen gleichberechtigt teilhaben und respektiert werden.

Diesen Appell betten sie in das indigene Weltverständnis ein, das eine zentrale Ressource der Bewegung darstellt. Die Frauen bauen darauf auf, wenn sie von den Männern fordern, die indigenen Wahrnehmung der Welt wirklich zu leben. In dieser werden Männer und Frauen als gleichwertige, aufeinander bezogene Teile eines Ganzen gesehen. Davon ausgehend fordern sie von den Männern, die Harmonie miteinander zu leben, ihre Würde als Frauen zu achten und respektvoll mit ihnen umzugehen. Passend dazu steht auf einem Poster im Restaurant des Frauen-Programms: „Für die Befreiung der Mutter Erde braucht es Frauen frei von Gewalt“ und „Sex ist eine Umarmung mit Respekt, Zärtlichkeit mit Liebe – Respekt für meinen Körper, mein Land, mein territorio”.

Um die Männer in ihre emanzipatorischen Prozesse einzubeziehen, haben sie diese außerdem mehrfach zu „Treffen der Frauen, nur für Männer“ eingeladen. „Wir erzählen ihnen von den Rechten der Frauen – von dem was wir wollen und was wir nicht wollen, was uns Schaden zufügt,“ fasst Nelly zusammen. „Ebenso hören wir ihnen zu.“

Ein Kaffee von Frauen der Bewegung

Aurora Campo aus dem Resguardo Tacueyó ist eine der vielen Kaffee anbauenden KleinbäuerinnenAuch die Kooperative CENCOIC will ihren Beitrag zur Veränderung der Situation der Frauen leisten. Daher können Ehepartner auch jeweils einzeln Mitglied der Kooperative werden. Einige der rund 900 Frauen, die aktuell eigenständige Mitglieder der CENCOIC sind, sind alleinstehend. Der Großteil aber ist verheiratet und ihre Partner sind ebenfalls Mitglied. Sie haben ihr eigenes Feld, tragen die wirtschaftliche Verantwortung und verfügen über die Einnahmen. Das befreit sie aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit von ihrem Ehemann und verschafft ihnen eine gewisse Autonomie.

Diesen Prozess will die Kooperative nun auch mit einem Kaffee fördern, den ausschließlich die weiblichen Mitglieder der Kooperative angebaut haben.Die 53-jährige Kaffeebäuerin Cecilia Valencia aus dem Selbstverwaltungsgebiet San Lorenzo ist Vorsitzende des Kontrollausschusses der CENCOIC „Neben der wirtschaftlichen Unabhängigkeit geht es bei diesem Kaffee auch um die Anerkennung und die Sichtbarmachung der Frauen und ihres zentralen Beitrags zur Wirtschaft, den Kämpfen, dem Zusammenhalt und dem kulturell-sozialen Überleben der indigenen Gemeinden“, unterstreicht Juan Carlos, der Geschäftsführer der Kooperative. Denn, so Cecilia Valencia, Kaffeebäuerin und Kontrollratsvorsitzende der CENCOIC: „Frauen sind in der Bewegung sehr aktiv, aber sie bleiben im Hintergrund, werden nicht gesehen.“ Doch das ändert sich langsam: „Ich habe aufgehört, nur im Haushalt zu arbeiten und bin nun aktiv im politischen und öffentlichen Bereich, bin wirtschaftlich nicht mehr abhängig von meinem Ehemann. Das ist es, was ich mir für alle Frauen wünsche.”