mehrere Tage werden die Kaffeebohnen gewendet und getrocknet

Interview mit Rafael Enrique Perdomo Pancho

Der 39-jährige Rafael Enrique Perdomo Pancho ist Teil der indigenen Bevölkerungsgruppe der Nasa. Er kommt aus der Zone des Tierradentro und ist Mitglied des Obersten Rates des CRIC (Regionaler Indigener Rat des Cauca).

Das Interview führte Knut Henkel, freier Publizist aus Hamburg.

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Rafael Enrique Perdomo Pancho

Es hat Anfang November 2017 massive Proteste des CRIC gegeben, weil die Regierung Vereinbarungen nicht eingehalten hat. Nachdem der CRIC mit Protestmärschen, Straßenblockaden und Beschwerden im Rahmen einer Minga auf die Verfehlungen aufmerksam gemacht hat, wurde das Gesetz 1811 verabschiedet, welches am 7. November unterschrieben wurde. Dieses Gesetz bündelt alle alten Vereinbarungen mit der Regierung, die nun umgesetzt werden sollen. Glauben Sie, dass es diesmal etwas wird?


Wichtig für uns ist, dass das Abkommen Gesetzescharakter hat. Bisher hieß es immer wieder, dass es kein Geld gebe, um die getroffenen Entscheidungen umzusetzen. Nun gibt es eine gemeinsame Kommission, welche die Umsetzung der Maßnahmen überwachen soll. Wir hoffen, dass es hilft, denn gerade bei den Finanzmitteln für Soziales, für die Bereiche Gesundheitsversorgung und Bildung, brauchen wir schon lange mehr Geld und neue Konzepte, die unsere Vorstellungen berücksichtigen. Das ist in dem Gesetz 1811 berücksichtigt. Natürlich sind unsere Ängste nicht verschwunden, dass die Regierung wieder einmal getroffene Vereinbarungen nicht erfüllt. Aber wie haben die Hoffnung, dass sich endlich etwas ändert.

Was ist eine Minga und warum war es notwendig eine durchzuführen?

An einer Minga nehmen alle Regionen teil, eben die neun beziehungsweise zehn Zonen aus denen der Cauca besteht, mit seinen 125 Resguardos, den indigene Selbstverwaltungsgebieten, und allen Amtsinhaber_innen und der Bevölkerung, die sich engagiert. Ich denke, dass wir ungefähr 15.000 Menschen waren, die an der Minga teilnahmen, die am 1. November begann und bis zum 9. November währte. Zudem gab es Delegationen aus anderen indigenen Regionen wie Nariño und Meta. Uns ging es darum mehr Druck aufzubauen und deshalb gab es eine Gesprächsrunde mit Teilnehmer_innen aus ganz Kolumbien, die Themen bearbeitet haben, die das ganze Land betreffen. Die Minga fand in Montería, Resguardo de Las Mercedes, statt und ist ein kollektives Ereignis und hatte das Ziel Druck auf die Regierung aufzubauen – das hat funktioniert. Nun haben wir ein Gesetz und eine Kommission, die über deren Umsetzung wacht.

Aber die Regierung unterschreibt viel und hält wenig. Eine erneute Nichterfüllung von Vereinbarungen wäre nichts Neues, oder?

Ja, natürlich, das kennen wir kaum anders. Aber wir haben Rechte, die in der Verfassung festgeschrieben sind, auf die wir hinweisen. Insgesamt haben indigene Organisationen in Kolumbien mehr als 1.300 unerfüllte Vereinbarungen vorzuweisen – Nichterfüllung hat also schon Tradition und wir wissen wovon wir sprechen. Genau deshalb haben wir diese Minga durchgeführt, uns auf 26 übergeordnete Forderungen, die für uns essentiell sind, verständigt. Neun weitere Punkte gehen über den Cauca hinaus, haben nationale Geltung.

Welches sind die essentiellen Punkte?

Essentiell war es, zu einem neuem Abkommen zu kommen, welches Gesetzescharakter hat. Zudem wollten wir festlegen, dass es im Gesundheits- und Bildungsbereich zu Notmaßnahmen kommt, dass schnell agiert und investiert wird. Ein weiterer Punkt ist die Menschenrechtssituation. Die hat für uns  Priorität. Zentral ist vor allem, dass die Regierung Geld in die Hand nimmt und Missstände beseitigt – wir sprechen von einer Notsituation, die Notmaßnahmen nötig macht und das hat die Regierung akzeptiert.

Das heißt, die Situation in den Resguardos ist so schwierig, so komplex, dass eine Notfallsituation eingetreten, die Notmaßnahmen nötig macht?

Exakt, wir brauchen dringend Investitionen und wir brauchen auch Investitionen, um eine differenzierte Gesundheitsversorgung und Bildungspolitik auf den Weg zu bringen. Bisher sind die staatlichen Etats auf das absolute Minimum ausgerichtet – das ist nicht in Ordnung und muss geändert werden. Wir brauchen in der Bildung mehr Mittel für den bilingualen Unterricht, wir wollen unsere Sprache schließlich erhalten und dazu haben wir laut der Verfassung das Recht. Im Gesundheitssektor sieht es nicht viel anders aus – wir wollen dort unsere traditionelle Medizin berücksichtigt wissen, wollen eine ganzheitliche Gesundheitsversorgung, die mehr auf Prävention setzt als es die staatliche Gesundheitsversorgung in aller Regel tut. Da gibt es aus unserer Sicht massive Defizite.

Spielt die Ernährung da eine Rolle?

Natürlich, auch da sehen wir viele Ansatzpunkte, denn die traditionelle Küche der Nasa ist gesünder als das, was auf nationaler Ebene gekocht und gegessen wird. Ziel ist es, die Gesundheitsversorgung präventiver zu machen.

Welchen Stellenwert hat in diesem Kontext die Landfrage – die Nasa fordern mehrere tausend Hektar Land von der Regierung, richtig?

Ja, da gibt es verschiedene Übereinkommen von 2005 und von 2014. Wir reden über Flächen von 48.000 Hektar, die zugesagt, aber nie übergeben wurden. Das Argument der Regierung lautet, dass sie nicht ausreichend Mittel zur Verfügung hat. Deshalb wurden nun gemeinsame Kommissionen für die Überwachung und Durchführung der Vereinbarungen geschaffen.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die Zukunft?

Wir müssen die Einheit erhalten, dass ist die größte, die zentrale Herausforderung. Bei dieser Minga hat man sehr genau gesehen, dass die neun Zonen geeint waren, dass alle an einem Strang zogen. Wir haben diese Minga in etwa seit Juni vorbereitet, das Mandat dafür wurde uns auf der CRIC-Konferenz gegeben.

Wie steht es um die Menschenrechte nach dem Ende der Konflikts im Cauca, gibt es Verbesserungen?

Mit dem Proceso de Paz, dem Friedensprozess, ist die Menschenrechtssituation eher komplexer geworden. Mit der FARC-Guerilla war die Situation kalkulierbar – man wusste, wo sie aktiv war und wie man sich zu verhalten hatte. Heute ist das nicht mehr der Fall, denn es sind viele bewaffnete Gruppen unterwegs und wer zu wem gehört ist eine spannende Frage: sind es die Paramilitärs der Águilas Negras, die Narcos oder jemand anderes. Es gibt indigene Amtsträger_innen, die versucht haben herauszubekommen, wer da in ihr Territorium eindringt, aber mehrere sind genau deshalb ermordet worden.

Hat die Regierung nicht geschafft, in die Regionen nachzurücken, in denen die FARC dominierte?

Das ist ein Aspekt, bei dem wir anderer Meinung sind. Wir legen keinen Wert auf das staatliche Sicherheitskonzept, wollen in den Resguardos keine Armee, keine Polizei mit Waffengewalt – für uns ist das ein Risiko. Deshalb ziehen wir den Ausbau der pazifistisch auftretenden Guardia Indigena vor. Wir möchten, dass die Regierung die Guardia Indigena, von den Dörfern gewählte Vertreter_innen, die sich für den Schutz der Bevölkerung und für die Ordnung in den -1486470518 Resguardos einsetzen, akzeptiert. Dazu gehört auch, dass sie sich an deren Finanzierung beteiligt – sie also allumfänglich anerkennt.

Die Idee dahinter ist die einer Neutralität und einer Autonomie der indigenen Territorien – korrekt?

Genau, all das lässt die Verfassung von 1991 zu, aber die Regierung sperrt sich, das zu akzeptieren. Idealtypisch müsste die Regierung sich sogar an den Kosten der Guarida Indigena beteiligen, weil sie staatliche Funktionen übernimmt - so unsere Sichtweise.

Warum hat der CRIC so wenig Vertrauen in die nationale Polizei und Armee?

Es gibt seit Jahren ein ausgeprägtes Misstrauen von beiden Seiten. Mit der Gründung des CRIC im Jahr 1971 war immer auch die Landfrage und damit die Frage der Zurückgewinnung von Land ein Thema. Da gab es einen Konflikt mit der Polizei und der Armee und die sind nie zimperlich mit uns umgegangen. Es hat Verletzte und auch Tote gegeben, obwohl wir immer pazifistisch aufgetreten sind. Das schafft Misstrauen, Hass und Wut, zumal sich zwei sehr ungleiche Gegner gegenüberstehen.

Was für ein Standing haben die indigenen Organisationen in der kolumbianischen Gesellschaft?

Der CRIC gehört zu den Organisationen, die den Ruf haben, besonders gut organisiert zu sein, aber nach wie vor werden die indigenen Gemeinden stark diskriminiert, in den Medien immer wieder stigmatisiert...

Warum?

Weil wir mit unseren Protesten den Verkehr lahmlegen, weil es zu Behinderungen kommt. Aber es wird nicht berichtet, warum wir auf die Straße gehen, warum wir demonstrieren – das ist ein Defizit. Es gibt kaum eine Berichterstattung über das unzureichende Gesundheitssystem, die Unterbeschäftigung, die sozialen Probleme, die es allerorten gibt. Wir protestieren dagegen und stören damit anscheint – nicht nur die Medien. Wir aber wollen die Leute mit unserem Protest aufwecken, nicht nur die indigenen Bevölkerungsgruppen – wir verstehen uns als soziale Organisation.

Hat es im Vorfeld der Minga Gespräche mit der Regierung gegeben?

Ja, aber sie haben nichts gebracht. Im Anschluss an das gute Essen in Bogotá, den guten Kaffee ist schlicht nichts passiert. Daher haben wir uns für die Minga entschieden und für einen Katalog von 16 Punkten, in denen sich die Regierung bewegen muss. Ziel der Minga ist es schließlich, für Fortschritt zu sorgen und nicht schweigsam zuzusehen, was passiert.

Die indigenen Bevölkerungsgruppen fordern auch, in ihren Territorien oberste Autoridad Económico Ambiental zu sein, also das Bestimmungsrecht über ökonomische und umweltbezogene Aspekte zu erhalten. Was heißt das und welche Folgen hat das?

Diese Forderung hat uns viel Widerstand eingebracht, von Seiten der Unternehmen, von Seiten des Bergbaus, der großen Konzerne im Agrarsektor. Die haben ein Interesse, in die Resguardos einzudringen, weil es dort Ressourcen gibt, die es anderswo nicht gibt: Wasser, Mineralien und so fort. Der indigene Dachverband ONIC ist in diesem Bereich zu nah dran an der Regierung, sie sind in eine dieser Fallen der Politik geraten – zumindest aus unser Sicht.
Ziel des CRIC ist es auch, sich mit den afrokolumbianischen Gemeinden zu solidarisieren, gemeinsam Ziele zu definieren, wir brauchen Allianzen und brauchen  Einheit.

Gibt es innerhalb der Resguardos privates oder ausschließlich kollektives Land?

In den Resguardos ist alles Land Gemeingut. Es gibt nur Land, das individuell genutzt wird zur Nutzung freigegeben, übergeben wurde. Alle Flächen sind kollektiv, können auch nicht veräußert werden. Aber vom CRIC wurden Organisationen gegründet, unterstützt, die kommerzielle Strukturen aufbauen, Genossenschaften gründen und so fort...

Wie ist der CRIC strukturiert und wie viele indigene Selbstverwaltungsgebiete (Resguardos) gibt es im Cauca?

Aus neun von zehn  Zone des Cauca wird ein Consejal, ein Ratsmitglied gewählt. Insgesamt gibt es 125 Resguardos  und Schätzungen zufolge leben etwa 200.000 Nasa in der Region.

Hat der CRIC eigene Schulen, Gesundheitsposten?

Nein, aber in den Territorien, in den Resguardos, gibt es lokale Regierungsstellen, die aktiv werden, die Dinge anschieben. So zum Beispiel gibt es eine EPS-Indigena, eine indigene Krankenversicherung, bei der wir uns engagieren, mit präventiven, indigenen Konzepten zu arbeiten. Das sind auch Themen auf der Minga gewesen und für uns geht es um die Frage: Wie kommen wir da weiter?

Welche Rolle spielen die Frauen derzeit im Rat des CRIC?

Wir sind derzeit eine Frau und acht Männer, die gewählt wurden. Das sind demokratische Prozesse und die Consejales arbeiten unentgeltlich.

Gibt es mehr Teilnahme von Frauen?

Nach 2005 gab es einen Wandel, denn Aída Quilqué, Consejal del Cric, war sehr erfolgreich, sehr gewandt, politisch sehr ausgewogen und das hat für viel Eindruck gesorgt und seitdem wird den Frauen in der Organisation viel mehr Aufmerksamkeit entgegen gebracht. Die Rolle der Frauen hat sich seitdem verändert, Frauen sind wichtiger geworden, engagieren sich mehr. Dem haben wir mit dem Programa de Mujer Rechnung getragen, diesen Arbeitsbereich des CRIC gibt es seit ein paar Jahren, um die Frauen und deren Partizipation zu fördern, Frauen generell mehr Raum innerhalb des CRIC zu geben.

Wie schätzen Sie die Perspektiven einer Befriedung des Landes ein?

Um Kolumbien zu befrieden und gerechter, fairer zu machen, wäre es nötig, auf die Stimmen aus der Gesellschaft zu hören, die von sozialen Aktivist_innen – und dazu gehört der CRIC – kommen. In Kolumbien gibt es aus dieser Perspektive viel zu tun, denn in der Realität haben wir ein korruptes Kolumbien, in dem immer die Gleichen an der Spitze der Gesellschaft stehen, eine korrupte Elite, die sich selbst reproduziert. Um das zu ändern, müssen wir uns engagieren, organisieren.

Was motiviert Sie, sich zu engagieren?

Mich motiviert die Comunidad (dt. Gemeinschaft), ich muss meine Gemeinde gut vertreten und dieser Verantwortung will ich gerecht werden. Wir müssen weiterkommen, aktiv sein, Druck machen, um mehr Rechte durchzusetzen – gegenüber der Regierung. Ich habe ein politisches Bewusstsein und bin im Resguardo Santa Rosa geboren.