Der Aufstand der zapatistischen Bewegung

Die Ursachen des Aufstands

Der südmexikanische Bundesstaat Chiapas, in dem aktuell rund 4,5 Millionen Menschen leben, ist eine rohstoffreiche Region: es gibt große Vorkommen an verschiedenen Bodenschätzen, große Süßwasservorkommen und ausgedehnte Landstriche fruchtbaren Bodens. Chiapas verfügt über noch intakte Regenwaldflächen, die eine enorme biologische Vielfalt beherbergen und zu den bedeutendsten Regenwaldgebieten der Erde zählen. Trotzdem gehört der Bundesstaat zu den ärmsten Regionen Mexikos.

Chiapas war über Jahrhunderte durch Großgrundbesitz geprägt. Weite Teile der indigenen Bevölkerung lebten als entrechtete Landarbeiter_innen auf den Haciendas der Großgrundbesitzer. Die wenigsten Menschen besaßen eigenes Land, die allermeisten waren Analphabet_innen.

Eine Verschärfung der Verhältnisse fand unter Präsident Porfirio Díaz Ende des 19. Jahrhunderts statt. Er trieb die "wirtschaftliche Modernisierung" des Landes systematisch voran. Die Kommerzialisierung der Landwirtschaft wurde gezielt gefördert, es kam zu staatlich legitimiertem und politisch gewollten Landraub durch die Großgrundbesitzer. 40 Prozent des chiapanekischen Grund und Bodens gelangten dadurch in die Hände meist weißer Großgrundbesitzer aus anderen Ländern. 1910 verfügte rund ein Prozent der Bevölkerung in Mexiko über den Besitz und die Kontrolle von 96 Prozent des Grund und Bodens. Viele Kleinbäuer_rinnen wurden enteignet. Als Landlose („peones“) waren sie gezwungen, für die Großgrundbesitzer das Land zu bearbeiten, welches ihnen genommen worden war. Die dadurch entstehenden Abhängigkeitsverhältnisse ähnelten der Schuldknechtschaft. Auf kleinstem Raum mussten die Menschen zusammen hausen, nicht selten 16 Stunden pro Tag für die Großgrundbesitzer unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten. Ihr Alltag war von gewaltätiger Unterdrückung und willkürlichen Strafen seitens der Vorarbeiter geprägt. Oft mussten sie Schulden aufnehmen - zum Beispiel wenn Personen erkrankten (was aufgrund der unhygienischen Bedingungen oft der Fall war) und Medikamente oder Arztkosten anfielen. Frauen und Mädchen hatten es besonders schwer: nicht selten haben die Großgrundbesitzer das “Recht der ersten Nacht“ in Anspruch genommen. Vergewaltigungen und Missbrauch gehörten zum Alltag.

Porfirio Díaz wurde im Zuge der mexikanischen Revolution (1910-1917) abgesetzt. Einige wichtige Reformen wurden mit der Revolution erzielt. Als eine der wichtigsten Errungenschaften gilt die Landreform, die 1917 in der Verfassung verankert wurde, allerdings erst 1934 umgesetzt wurde. Das Konzept des Еjido (kollektiver Grundbesitz der Gemeinden, mit dem Recht auf individuelle Nutzung) ermöglichte es Landlosen, Boden zu bestellen und den Ertrag für sich zu behalten. Nichtsdestotrotz lebten sehr viele Indígenas bis in die 1980er und 1990er in Armuts- und Abhängigkeitsverhältnissen. 1992 wurde im Zuge der Vorbereitung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA- (Kanada, USA und Mexiko) die Privatisierung, sowie und die Verpachtung von Ejidos legalisiert und damit dessen Verkauf an internationale Investoren Türe und Tore geöffnet.


Ya Basta! Es reicht!

Bereits in den 1970ern und 1980ern kam es in Chiapas zu bedeutenden Mobilisierungen von Kleinbäuer_innen. Durch Protestmärsche, Mahnwachen und Landbesetzungen machten sie auf ihre Lebenssituation aufmerksam und forderten Landzuteilungen und ein Ende der Diskriminierung. Die organisierte indigene Landbevölkerung enteignete im Zuge dieserAuseinandersetzungenLändereien und eignete sich Produktionsmittel an. Nur in wenigen Fällen schafften es die Kleinbäuer_innen, die Landtitel zugesprochen zu bekommen. Eine weitreichende Veränderung der Besitz- und Einkommensverhältnisse brachten diese Kämpfe allerdings nicht hervor.

Seit 1983 begannen sich Teile der indigenen Landbevölkerung zusammen mit einer Gruppe linker Aktivist_innen aus Mexiko Stadt in Chiapas im Verborgenen zu organisieren, um für grundlegende Veränderungen zu kämpfen: Die Geburtsstunde der Zapatistischen Befreiungsarmee EZLN.


Die Rebellion der EZLN

Am 1. Januar 1994, an dem Tag, an dem das neoliberale Freihandelsabkommen NAFTA in Kraft trat, sollte sich das Blatt wenden. Seit über 10 Jahren hatten sich die Zapatistas auf diesen Tag vorbereitet: Tausende bewaffnete indigene Frauen und Männer, die sich in der EZLN organisiert hatten, besetzten die Regierungssitze von 7 Städten im Bundesstaat Chiapas. Sie nahmen sich in den ersten Januartagen einen Teil der Ländereien zurück, die ihre Vorfahren jahrhundertelang bewirtschaftet hatten. Das wieder zurück gewonnene Land wurde im Folgenden unter der kleinbäuerlich-indigenen Bevölkerung aufgeteilt. Die zentralen Forderungen im Zuge des Aufstands der EZLN waren: Gleichheit, Gerechtigkeit, Freiheit, Unabhängigkeit, Land, Arbeit, Gesundheit, Bildung und Frieden. Die Zapatistas riefen die Bevölkerung Mexikos auf, die mexikanische Bundesregierung abzusetzen, das Land radikal zu demokratisieren und eine Abkehr von der neoliberalen Wirtschaftspolitik durchzusetzen.

Benannt hat sich die zapatistische Bewegung nach dem wichtigen Bauernführer der mexikanischen Revolution 1910: Emiliano Zapata (1879-1919). Er kämpfte mit seinen Revolutionären für “Land und Freiheit“ („Tierra y Libertad“), für eine konsequente Agrarreform und die Autonomie der Gemeinden - zusammengefasst in der Parole: „Das Land denen, die es bearbeiten“


In den ersten zwölf Tagen des Januar 1994 kämpfte die EZLN bewaffnet gegen das mexikanische Militär. Die Regierung reagierte mit massiver Repression und schickte 17.000 Soldaten ins Aufstandsgebiet. Breite Teile der Bevölkerung in ganz Mexiko und viele Menschen und Gruppierungen weltweit solidarisierten sich mit den Forderungen der EZLN. Unter diesem öffentlichen und internationalen Druck sah sich die mexikanische Regierung am 12. Januar gezwungen, den Waffenstillstand auszurufen. Seitdem schweigen die Waffen der EZLN. Die Regierung hingegen führt auf unterschiedlichen Ebenen einen sogenannten Krieg niederer Intensität gegen die zapatistischen Gemeinden. Die militärische Präsenz ist massiv und immer wieder kommt es zu Übergriffen durch Militär und Paramilitärs.


Solidarität

Nach dem Waffenstillstand konzentrierte sich die EZLN auf einen zivil-politischen Weg: die Rebellion der Worte und Taten. Die entschlossene Selbstorganisierung der Zapatistas, der Aufbau eigener Strukturen, die Herauslösung aus bestehenden wirtschaftlichen Strukturen und und ihre Bereitschaft, sich mit anderen sozialen Bewegungen in Mexiko und weltweit zu vernetzen, führten zu einer breiten Welle der Solidarität, die bis heute anhält.

 

Verhandlungen mit der Regierung

Im Februar 1994 begannen die Verhandlungen zwischen der mexikanischen Regierung und der EZLN. Sie führten zur Unterzeichnung der „Abkommen von San Andres“ am 16. Februar 1996 über indigene Rechte. Das Abkommen beinhaltet eine Anerkennung der indigenen Gemeinden als Rechtssubjekte, das Recht auf Selbstbestimmung und -verwaltung aller 62 indigenen Bevölkerungsgruppen Mexikos, sowie das Recht auf Selbstbestimmung über ihr Land. Bis heute hat jedoch keine der regierenden Parteien die Verträge umgesetzt, so dass die Zapatistas ohne „Erlaubnis“ Fakten schaffen und ihre autonomen Strukturen aufbauen.

Seit 1994 haben die Zapatistas große Schritte im Bereich der Selbstverwaltung unternommen. In Ablehnung aller politischer Parteien und dem staatlichen Regierungssystem begannen sie, eigene politische Strukturen nach basisdemokratischen Prinzipien aufzubauen. Im Sinne ihrer Forderung nach kultureller, sozialer und wirtschaftlicher Selbstbestimmung, wurde ein eigenes Bildungs- und Gesundheitssystem aufgebaut, ausgerichtet auf die Bedürfnisse der indigenen Bevölkerung. Die Forderungen nach Anerkennung der indigenen Rechte und dem Aufbau autonomer Strukturen wurden von den meisten indigenen Bevölkerungsgruppen geteilt. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu betonen, dass die Zapatistas keine separatistische Abspaltung vom mexikanischen Staat anstreben, sondern in Selbstverwaltung und Selbstbestimmung einen Gegenentwurf zu staatlicher Regierungspolitik und wirtschaftlichen Mechanismen entwickeln.

Die EZLN und die zapatistischen Basisgemeinden haben erheblichen Einfluss auf die Stärkung der sozialen Bewegung in Mexiko. Zahlreiche durch die EZLN initiierte Mobilisierungs- und Vernetzungskampagnen innerhalb Mexikos und auf internationaler Ebene, machen die Bedeutung der EZLN und der zapatistischen Bewegung deutlich.

 

Alternative Entwürfe in Bildung, Gesundheit, Ökonomie und Rechtsprechung

Die Zapatistas bauen eigene Strukturen in den Bereichen Verwaltung, Bildung, Gesundheit, Rechtsprechung und Ökonomie auf. Um Abhängigkeitsverhältnisse und mögliche Einflussnahme von Regierung und öffentlichen Stellen zu vermeiden, lehnen die Zapatistas jegliche Annahme von Regierungsgeldern ab. Der Aufbau ihrer autonomen Strukturen wird vor allem durch nicht entlohnte Kollektivarbeit der Gemeindemitglieder, von solidarischen Gruppen aus Mexiko und internationalen Unterstützer_innen getragen. Zu den Errungenschaften in der Errichtung wirtschaftlicher Unabhängigkeit zählen zahlreiche Produktivprojekte. Unter anderem die Kaffeekooperativen, aber auch Schuh- und Kunsthandwerkkooperativen sind wichtige Einnahmequellen.

Im Laufe der Jahre wurden viele zapatistische Schulen, Gesundheitszentren und Krankenhäuser aufgebaut. Viele Zapatistas wurden als Lehrkräfte in Schulen und als Krankenpflegepersonal ausgebildet. Diese Sektoren waren und sind den Zapatistas äußerst wichtig, da die medizinische Versorgung für die Indígenas früher sehr schlecht, unerschwinglich und nicht ihren sozio-kulturellen Bedürfnissen angepasst war. Früher starben in Chiapas rund 15.000 Menschen pro Jahr an heilbaren Krankheiten wie Masern, Durchfall oder Erkältungen. Durch die zahlreichen Gesundheitsprojekte, die vor allem auf Präventionsmaßnahmen setzen, konnte die Sterberate deutlich verringert werden.


Verbesserungen für die Frauen

Schon in den Jahren 1983-1993 und weiterhin im Zuge des Aufstands organisierten sich die zapatistischen Frauen. Sie kämpfen für eine Verbesserung ihrer Situation oft auch gegen ihre eigenen Compañeros. Sie fordern gleichberechtigte und respektvolle Beziehungen in der Familie und innerhalb der organisatorischen Strukturen. 1993 wurden die revolutionären Frauengesetze bekannt gegeben. Durch ihre Beharrlichkeit haben sie in vielen Bereichen grundlegende Veränderungen erreicht. Die revolutionären Frauengesetze beinhalten unter anderem ein Alkohol- und Drogenverbot in den zapatistischen Gemeinden Dieses wurde eingeführt und gilt bis heute. Es gab sehr gute Gründe dafür: Das wenige Geld, das den Familien zur Verfügung steht soll nicht in Alkohol investiert werden. Die interfamiliäre Gewalt gegen Frauen und Kinder soll eingeschränkt werden und die Männer sollen “ den Kopf frei haben“ für den Aufbau der zapatistischen, selbstverwalteten Strukturen .

Die Frauen haben heute wesentlich mehr Rechte, sie nehmen aktiv am öffentlichen Leben in den Gemeinden teil und bekleiden inzwischen viele Gemeindeämter, auch höhere Ämter vor allem im Bildungs-und Gesundheitsbereich. Sie leiten unter anderem eine Klinik für sexuelle und reproduktive Gesundheit in La Garrucha und Produktivprojekte wie Back- und Kunsthandwerkkooperativen.

Früher konnten nur die wenigsten Mädchen und Frauen schreiben und lesen. Heute gibt es in fast jeder zapatistischen Gemeinde eine eigene Schule mit eigenen Lehrer_innen. Anders als vor 1994 gehen heute die meisten Mädchen der zapatistischen Gemeinden zur Schule.


Basisdemokratische Verwaltung: „Hier regiert die Bevölkerung und die Regierung gehorcht“

Dieser inzwischen berühmte Slogan der zapatistischen Bewegung ist an vielen Ortseingängen auf Schildern zu sehen. Er spiegelt ihr Verständnis von politischen Entscheidungs- und Beteiligungsstrukturen wieder. Die Zapatistas sind basisdemokratisch auf 3 Ebenen organisiert: Gemeindeebene, Bezirksebene und in den Räten der guten Regierung (Spanisch: „Juntas de Buen Gobierno“). Das Gebiet der Zapatistas ist in 5 Zonen unterteilt. In jeder Zone gibt es einen "Rat der Guten Regierung".Nach dem Prinzip des Delegiertensystems entsenden die Gemeinden ihre Vertreter_innen in die Bezirke. Diese wiederum senden ihre Vertreter_innen in die “guten Regierungen“. In den jeweiligen Vollversammlungen werden Verantwortliche für unterschiedliche Bereiche (Gesundheit, Bildung, Produktion, Agrarökologie, etc.) gewählt. Alle Delegierten bekommen die Stimme nur geliehen. Sie übernehmen ein bestimmtes Arbeitsfeld nur solange sie es zur Zufriedenheit der durch sie zu vertretenden Zapatistas ausfüllen - sie sind jederzeit abwählbar. Die Basis wird in alle Entscheidungen einbezogen und die Delegierten führen aus, was die Basis entscheidet. Dieses Prinzip wird als „gehorchendes Befehlen“ (Spanisch: „mandar obediciendo“) bezeichnet.


Bis heute: Repression seitens der Regierung

Bis heute reagieren die Regierung und die lokalen Machthaber mit Desinformation, Repression und Gewalt auf die Forderungen und Fortschritte der zapatistischen Bewegung. Die starke Militärpräsenz und die Angriffe von Paramilitärs stellen eine permanente Bedrohung und Einschüchterung dar. Wirtschaftliche Großprojekte und touristische Vorhaben sollen gegen den Widerstand der zapatistischen Gemeinden durch gesetzt werden. Teile der Aufstandsbekämpfung sind auch die staatlichen Programme zur vorgeblichen "Armutsbekämpfung", welche die Zapistas zur Beendigung ihres Widerstand bewegen sollen

 

Nationale und internationale Vernetzung

Die EZLN sieht ihren Aufstand in einem transnationalen Kontext. Bereits 1996 rief sie zur Bildung einer "Internationalen der Hoffnung" auf, um gemeinsam und gleichberechtigt mit anderen Bewegungen weltweit gegen die Auswirkungen neoliberaler Wirtschaftspolitik, für eine solidarische Gesellschaft und den Erhalt der Natur zu kämpfen. Ihr "YA BASTA!" gibt seit 1994 vielen Gruppierungen und Menschen auf der ganzen Welt Kraft und Hoffnung und beweist, dass emanzipatorischer Widerstand möglich ist.